Wie es kam
Meine Töchter haben mir einen Riesenkarton mit Hörspielkassetten hinterlassen, nur leider habe ich kein standesgemäßes Abspielgerät dafür. Die Suche nach den „besten“ Kassettendecks verwies dann auf das HiFi-Wiki .
In der Liste sind viele bekannte Namen wiederzufinden: Akai, Nakamichi, TEAC, usw. Viele der Geräte werden heute teurer gehandelt als damals neu im Laden. Die alten Helden müssen keine aktuelle Konkurrenz mehr fürchten, denn im Grunde gibt es keinen Markt mehr für Kassettenspieler, die digitale Medienkultur hat dem ein Ende bereitet.
Und doch…. so eine Kassette hat durchaus etwas anziehendes, analoges. Dem bin ich auch erlegen und konnte über Kleinanzeigen ein natürlich defektes AKAI GX-75 MK2 ‚ergattern‘. Der Defekt war schnell ersichtlich: Playback lief noch, Vor- und Rückspulen ging aber nicht mehr. Der Idler also.
Erfahrungen: Ersatzteile – woher ?
Im Internet gibt es viele Anbieter zu sehr unterschiedlichen Preisen für Idler, Andruckrollen und Riemen. Mein Erstversuch beim spanischen Lieferanten Van-Hurban war rausgeworfenes Geld. Die Qualität der Teile war nicht ausreichend, um die ursprünglichen Betriebsparamter (Gleichlauf) wieder herstellen zu können. Auch die Andruckrollen von FixYourAudio, die qualitativ deutlich besser sind und im Aussehen den Originalen entsprechen, haben es nicht geschafft, den Gleichlauf erfolgreich wieder herzustellen. Letzlich habe ich die alten Andruckrollen sorgfältig gereinigt wieder eingebaut. Zusammen mit einem weiteren neuen Capstanriemen und Idler von ‚phonohifishop‘ bei ebay ist es mir dann gelungen, die Geschwindigkeit und den Gleichlauf in die Nähe der ursprünglichen Parameter zu bringen.
Ersatzgummi
Ein umfassendes Kit mit dem Idler Ring, CAM Gummi und Capstan Flachriemen, sowie den beiden (unterschiedlichen) Andruckrollen war bei einem spanischen Versand schnell bestellt und nach ein paar Tagen auch im Hause. Ein wenig kritisch betrachtet gefielen mir die Grate am Idlerring und der linken Andruckrolle erst mal gar nicht. Aber mit einer scharfen Nagelschere liessen sich die entfernen.
Das Zerlegen des Gerätes und der Ausbau des Motorblockes ist in vielen YouTube Videos dokumentiert und ließ sich von mir problemlos nachvollziehen.
Der Austausch des CAM Riemens und des Capstan Riemens war relativ einfach.

Idler-Ring
Zum Tauschen des Idler Rings lässt sich bei ausgebautem Motorblock die Trägerplatte des Idler nach Lösen der Spannfeder und Ausbau des linken Wickeldorns entnehmen. Der kleine Sprengring des Idlers muß mit größter Vorsicht gelöst werden, denn der ganze Mechanismus steht durch eine Druckfeder unter Spannung und katapultiert die Teile weit durch die Gegend, wenn man das Ganze nicht tunlichst von Außen zusammenhält.

Der alte Idler war deutlich verhärtet und ist beim Versuch, ihn aus dem Sitz zu hebeln, dann auch zerbrochen. Der neue Idler liess sich relativ leicht aufziehen. Zur Montage des Idlers auf der Trägerplatte habe ich die große Unterlegscheibe mit zwei Krokoklemmen fixiert, so dass die Druckfeder dadrunter weiter kein Unheil anrichten konnte.

Andruckrollen – Pinch Roller
Die Andruckrollen auszutauschen war schon nicht ganz so einfach, denn die neuen Rollen haben einen Metallkern mit Kugellager, die alten Rollen einen Kunststoffkern. Die Abmessungen sind nicht identisch.
Linke Rolle
Der Durchmesser der Rolle beträgt 11 mm. Die neue linke Rolle hat ein höheres Gummi – 7,2 mm gegenüber dem Alten mit 6,5 mm, dafür ist die Höhe der Aufnahme mit 7,2 mm gegenüber dem Alten mit 8 mm aber zu flach und hat damit 0,8 mm Spiel auf dem Stift.
Dies habe ich mit einigen schmalen Unterlegscheiben versucht auszugleichen, so dass die Rolle nicht auf dem Stift wandern kann.
Rechte Rolle
Der Durchmesser der Rolle beträgt 13 mm. Die rechte Rolle hat ebenfalls ein höheres Gummi – 7,5 mm gegenüber dem Alten mit 6,5 mm. Die Höhe über Alles war mit 8,5 mm gegenüber dem alten mit 8 mm ebenfalls anders, allerdings mit einer ganz anderen Geometrie, denn eine Seite des Metallkerns steht ca. 0,5 mm über dem Gummi , während die andere Seite etwas eingesunken ist.
Ob das so sein sollte und aus welchem Grund hat sich mir bis heute nicht erschlossen. Jedenfalls habe ich die neuen Rollen dann mit viel rumprobieren auf die vorgesehenen Stifte installiert und mit den Sprengringen befestigt.
Der erste Test zeigte dann auch, das sich alles so bewegte, wie es sollte. Abhören und Spulen war in beide Richtungen wieder möglich. Eine Hörpielkassette zum Testhören eingelegt ließ auch die Geschichte erklingen. Aber vom Gefühl her waren die Stimmen nicht konsistent und schwankten in der Wiedergabe. Auch war bei eingelegter Kassette ein leichtes periodisches Schleifgeräusch zu hören.
Tools
Die Abgleichanleitung aus dem Service Manual gibt vor, eine Kassette AT751263 mit einem konstanten Sinuston von 3150 Hz abzuspielen und damit die Capstangeschwindigkeit zu justieren. Diese Kassette scheint es nicht mehr zu geben, wie übrigens auch alle anderen Tools, die im Service Manual von Akai für das GX-75 MKII/ GX-95 MKII vorausgesetzt werden.
Meßkassetten
Als Alternative habe ich mir einen Satz Kassetten von
aus der Bucht besorgt. Die insgesamt 6 Kassetten bieten Hilfestellung bei den mechanischen und elektrischen Abgleicharbeiten.
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- Vollspur-Pegeleinstellung bei 315 Hz, Bandfluss 250nWb/m entspricht einem Pegel von -2,1dB oder 606 mV
- Dolbyeinstellung 400 Hz Bandfluss 200nWb/m ANSI oder 218 nWb/m DIN
- Kopfhöheneinstellung 1 kHz (-10dB) – bespielter Rasen zwischen den Spuren
- Gleichlauftest 3150 Hz -10dB
- Azimutheinstellung 10 kHz -10dB Vollspur
- Frequenzgangmessung von 31,5 Hz – 18 kHz , 17 Bursts a‘ 12 Sek.
Nun kann man natürlich auf die Aussteuerintrumente vertrauen und danach versuchen, die Abgleicharbeiten mit obigen Bändern durchzuführen, aber das ist sehr unsicher. Denn ohne Frequenzgenerator, Oszilloskop und Millivoltmeter wird der Abgleich kaum korrekt gelingen.
Software statt Meßgeräte
Als günstige Alternative kann ich aber den Softwarenachbau eines legendären Meßgerätes, dem Nakamichi – T 100, empfehlen. Diese Software ist gegen eine geringe Gebühr im Microsoft Store unter dem Namen“NAK T-100″ verfügbar. Damit lassen sich fast alle oben aufgeführten Meßaufgaben über eine einfach zu bedienende PC Anwendung ausführen. Vorausgesetzt man verfügt über eine brauchbare Soundkarte und Messkassetten.
Auch hierbei gibt es wieder die ein und andere Falle, in die man tappen kann.
Die Soundkarte
Die Impedanzanpassung der Soundkarte und der angeschlossenen Geräte kann zum Glücksspiel werden. Ich verwende eine ESI Juli PCI Steckkarte. Angegeben ist deren Eingangsimpedanz mit ca. 10 KΩ. Die Ausgangsimpedanz des Line-Out vom AKAI GX-75 soll bei ca. 150 Ω liegen. Also sollte man davon ausgehen können, dass beim Anschluß des Tapes an den Eingang der Soundkarte der Wert der Ausgangsspannung nicht beeinträchtigt wird. Soweit die Theorie. In der Praxis sieht es so aus, das die Ausgangsspannung regelrecht zusammenbricht, und zwar von 386 mV auf 278 mV. Wenn man damit dann in der Software die Werte zur Justage des Tapedecks verwenden möchte, hat man mit Sicherheit keinen Erfolg.
Wie habe ich dieses Problem gelöst ? Ich verwende nicht den Line-Out Anschluß sondern stattdessen den Kopfhörerausgang des Tapedecks. Der KH Ausgang lässt sich mit dem Volumeregler des Tapedecks leicht anpassen. Ich habe die Ausgangsspannung des KH Ausgangs auf 388 mV. , bei einem Eingangssignal von 70 mV, eingestellt. Diese 388mV liegen auch am Line Out an. Bei Anschluß an den Eingang der Soundkarte bleibt der Wert stabil, denn der KH Ausgang hat eine Impedanz von 8 Ω. Darüber hinaus lässst sich so auch ein Versatz zwischen der ausgegebenen Spannung und dem angezeigten Spannungswert in der Anwendung im PC ausgleichen. So lässt sich z.B. die am Eingang der Soundkarte (mit Millivoltmeter gemessener Wert von 388 mV) in der Anwendung „hinjustieren“ indem der Volumeregler des KH im Tapedeck auf den real existierenden Wert von 388mV in der Anwendung eingestellt wird.

Korrektur elektronischer Fehler
C502 als Pufferkapazizät für IC 501
Auch die Ingenieure bei Akai waren nicht ganz perfekt. Es gibt einen echten Fehler in der Schaltung .
Das IC 501 hat zwei Pufferkondensatoren C501 und C502 auf der positiven und negativen Versorgungsspannung. C502 ist auf der Platine falsch herum gedruckt, so dass der Pluspol des Kondensators an der negativen Versorgungsspannung anliegt. C501 und C502 sind je 22uF/10V Elkos. Ich habe beide Kondensatoren gegen Würth 22 uF/35V Polymerelkos ausgetauscht.
In den beiden Dolby-Schaltungen mit dem Schaltkreis CX20187 sollte man 6 Elkos durch ungepolte Kondensatoren ersetzten. Sony empfiehlt im Datenblatt vom CX20187 für diese Kondensatoren eine Toleranz von 5%, was mit Elkos schwer zu realisieren ist. Akai hat für diese Werte Elkos verwendet, obwohl diese Wertebereiche in der Regel mit ungepolten Kunststoffkondensatoren realisiert werden und auch im Sony Design vorgesehen sind.
Die 6 Elkos sind im Servicemanual des AKAi GX-75 MKII mit folgenden Werten angegeben:
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- C306, C306‘ = 470 nF oder 0,47 uF
- C307, C307‘ = 150 nF oder 0,15 uF
- C309, C309‘ = 220 nF oder 0,22 uF
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Ich habe aus meinem Bestand obige Kondensatoren mit dem Rastermaß 5 mm von WIMA von Hand selektiert, so dass die Abweichung zwischen den Kanälen und zu den Sollwerten besser als 2% sind.
Überprüfen des Gleichlaufs

Der Gleichlauf lässt sich am PC mit der NAK T-100 messen. Dafür erforderlich ist eine Referenzkassette mit einem Testton von 3000 Hz oder 3150 Hz. Eine solche Kassette ist in dem Satz von Hans-Peter Roth enthalten. Die Geschwindigkeit verändert sich in engen Grenzen mit +/- 3 Hz über die gesamte Abspieldauer der Kassette. Man macht alles richtig, wenn man die Geschwindigkeit in der Mitte, also bei etwa gleichen Wickeln auf dem linken und rechten Dorn, auf 3150 Herz einstellt. Die Gleichlaufschwankungen liegen im Bereich der urprünglich von Akai angegeben Grenzwerte.
Kopfarbeiten
Im Idealfall stimmt die Kopfgeometrie. Die Überprüfung und ggf. dann erforderliche Justage ist mit äußerster Vorsicht durchzuführen. Wenn der Kopf erst einmal richtig verstellt ist, lässt er sich kaum mit den verfügbaren Mitteln wieder korrekt einstellen.
Voraussetzung für den nach Service Manual durchzuführenden Abgleich ist die korrekte mechanische Einstellung von Antrieb und Kopfgeometrie. Stimmt in der Mechanik etwas nicht, lässt sich dass durch den Abgleich auch nicht korrigieren.

Für die finale Einstellung der bandsortenspezifischen Vormagnetisierung und Wiedergabelevel (Punkte 9, 10, 11 und 12 aus der Liste oben) bin ich wie folgt vorgegangen. Ich verwende für die drei Typen Fe, Cr und Me folgende Hersteller/Typen:
Maxell UD1 für Ferro, TDK-SA für CrO2 und TDK MA für Metall.
- Ferro-Normalkassette einlegen, Vr701, Vr701b, Vr751, Vr751b auf Mittelstellung drehen
- Calibration Button drücken, Front BIAS und Levelregler auf Mittenstellung
- Vr701 und Vr751 /b so einstellen, das die Calibration bei 0dB steht
- Crome-Kassette einlegen, Calibration Button drücken, und prüfen, ob die 0dB Einstellung über den Regler Vr722 eingestellt werden kann
- Metall-Kassette einlegen, Calibration Button drücken, und prüfen, ob die 0dB Einstellung über den Regler Vr723 eingestellt werden kann
- Dieses Vorgehen iterativ wiederholen, bis alle drei Kassettentypen in etwa gleich gut eingestellt sind.


